Atmen das Schweigen | zerborstenes Herz ...

© Annabelle Schickentanz

Prozess

brille grossvater

Prozess und Latenz

latere (lat.): verborgen sein, sich versteckt halten, unbemerkt bleiben
Latenz: Verzögerung hinsichtlich Entwicklung und Zeit

Ein kreativer Schaffensprozess hat keinen fest determinierten Beginn. Solange ein Mensch sich dem kreativen Schaffen hingibt, kommt dieser Prozess niemals zu einem endgültigen Ende. Dem Prozesshaften liegt zugrunde, dass es sich fortlaufend in einem Zustand der Latenz befindet, nicht sichtbar, jedoch wirksam ist, sich verändert und darüber mit sich selbst in einen Kontakt tritt. Das Verborgene ist stets im Werden begriffen, entzieht sich jedoch zu einem beliebigen Zeitpunkt dem Erkennen. Es ist die künstlerische Äußerung, die die Existenz des vermeintlich nicht Anwesenden offenbart und zugleich den Charakter der Latenz beschreibt: Diese ist niemals statisch, vielmehr stets in einer Bewegung und steht in einer für uns nicht unmittelbar wahrnehmbaren Verbindung mit dem Vergangenen. Sobald die Latenz sich offenbart, können wir rückblickend verstehen, warum sie derart lange verborgen war.

Die innere Welt von uns Menschen ist subjektiv und wird ebenso subjektiv von uns erlebt. Eigenwelt nennt der Philosoph Martin Heidegger diese innere Welt, welche begründet ist durch eigene Erfahrungen, die wiederum mit dem eigenen Selbst in einer Beziehung stehen. Wenn wir unsere innere Welt mit anderen Menschen teilen, so entsteht eine Mitwelt, eine Begegnung zweier Welten im Mitsein mit Anderen. Und diese Begegnung ermöglicht der Latenz, sich zwischen der Innen- und Außenwelt zu bewegen, weiterhin im Verborgenen zu wachsen, sich zu entwickeln und zu einem uns verborgen bleibenden Zeitpunkt ans Licht zu treten.

hand grossvater

Es können mehrere Jahre vergehen, bis das Latente plötzlich als Veränderung in unser Leben tritt und uns zutiefst irritieren, jedoch ebenso bereichern kann, wenn wir uns einlassen. Die starre Gewohnheit ist der Feind einer neuen und offenen Erfahrung. Dem nicht Linearen zu vertrauen und auf diesem Wege unserer Unsicherheit zu begegnen, dem Unbestimmten Ja zu sagen, kann tiefgreifendes Glück bedeuten.

Omnis quaestio regressus ad infinitum est – Jede Frage ist eine Rückkehr zur Unendlichkeit. Das intuitive Schreiben entsteht aus dem Verborgenen, das sich uns nicht zeigt. Und das, was verborgen ist in uns, stellt viele Fragen. Erst in einer rückwärts gerichteten Betrachtung können wir das Versteckte, das den Prozess verlässlich begleitet hat, in Ruhe anschauen. Und wir werden staunen, dass unsere Intuition uns Antworten gibt und dass wir ihr vertrauen dürfen.

So ist »Jenseits der Wand« entstanden – in einem rein intuitiven Prozess. Durch die Öffnung meiner inneren Welt entstehen weitere, bereichernde Welten und Fragen im Mitsein mit Ihnen als Leser. Sofern Sie sich und Ihrer Intuition vertrauen, wird sie Ihnen vielleicht Antworten auf Fragen geben, die Sie nie gestellt haben.

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Prozesshafte Eigentlichkeit

eigentlich: laut Duden »einer Sache in Wahrheit zugrunde liegend; tatsächlich, wirklich«
Eigentlichkeit: ein von Martin Heidegger geprägter Begriff in Abgrenzung zur Uneigentlichkeit – Eigentlichkeit meint eine entschlossene Art und Weise, das eigene Dasein authentisch und eigenverantwortlich zu gestalten

»Eigentlich wollte ich es anders tun, aber …«

Wahrscheinlich hat jeder Mensch diesen Satz schon mal gehört, noch wahrscheinlicher haben wir ihn alle in der Vergangenheit selbst schon gesprochen. Durch die Wortwahl eigentlich bringen wir zum Ausdruck, dass wir gerne etwas Bestimmtes getan hätten, uns jedoch nicht getraut haben. Vielleicht haben wir uns vorgestellt, wie andere Menschen über uns geurteilt hätten, sofern wir dieses oder jenes getan hätten. Die vorweggenommenen Urteile anderer Menschen in Bezug auf unsere Person können derart mächtig sein, dass sie uns vom autonomen Handeln abhalten, obwohl der Beweis für die angenommenen Urteile im Kontext des Nicht-Handelns niemals erbracht werden kann.

Etwas, von dem wir sagen, es sei wahr, wirklich oder tatsächlich, befindet sich nicht in einem Zustand der Latenz. Die Erkenntnis, dass eine Sache offen vor uns liegt, dass sie nicht verborgen ist – Heidegger spricht in diesem Zusammenhang davon, eine Sache habe sich uns erschlossen –, bildet die Grundlage dafür, dass wir in der Folge entdecken können, wie sich diese Sache im Kontext mit uns selbst und den Menschen um uns herum verhält.

Wenn Erschlossenheit eine bestimmte Art und Weise bedeutet, das Dasein und sich selbst zu verstehen – wie ist ein solches Verstehen dann möglich? Wenn wir ängstlich oder traurig sind, erleben wir unser Dasein augenblicklich. Unsere Gefühle lassen uns erfahren, dass wir existieren. Zugleich verstehen wir, dass unsere emotionale Gestimmtheit nicht statisch ist, sich vielmehr verändert, hin und her schwingen kann und sich entwirft in etwas zukünftig Mögliches, das wahr werden kann. Unsere Fähigkeit, beides zu artikulieren – unsere emotionale Gestimmtheit sowie unser einbettendes Verstehen –, ermöglicht zum einen uns selbst ein vertiefteres Verständnis für uns selbst, zum anderen haben Menschen um uns herum die Möglichkeit, einen verstehenden Zugang zu uns zu erhalten.

Die Erschlossenheit markiert eine Schnittstelle, da wir unter Beachtung unserer Emotionen, unseres Verstehens sowie unserer Fähigkeit, uns mitzuteilen, Optionen des Handelns haben. Wer in einer Suchtfamilie aufwächst, ist belastet. Er ist tagtäglich nicht kontrollierbaren und beschämenden Situationen ausgesetzt, die, je länger sie andauern, in einen chronifizierten Zustand des inneren Rückzugs, des fehlenden Selbstausdrucks und der Erschöpfung führen. Wer sich dauerhaft erschöpft fühlt und keinen Zugang hat zu seinen Gefühlen, der kann kein eigenes Leben führen. Er hat keine Möglichkeit, das wirkliche Ausmaß seiner Belastung und der Folgen zu erkennen.

mutter im schnee

Was ist ein eigenes Leben? Ein eigenes Leben ist ein Leben, dessen Gestaltung auf subjektiven Wünschen und Vorstellungen basiert. Ein Leben, dem wir selbst eine Bedeutung geben durch das, was wir wollen und in die Tat umsetzen. Das Bedeutsame kann lebensverändernd sein. Deshalb ist ein eigentlich geführtes Leben ebenso ein ernsthaftes Leben – weil die Eigentlichkeit uns als Menschen verändert, uns reifen lässt. Ernsthaftigkeit bedeutet, sich selbst und anderen gegenüber authentisch zu sein, das Innere mit dem Äußeren in eine Kongruenz zu bringen. Das Spielerische, Leichte können wir in seiner vertieften Dimension erst dann erfahren, wenn wir die Ernsthaftigkeit in ihrer Bedeutung begriffen haben.

Es gibt kleine und große subjektive Wünsche. Ein kleiner Wunsch kann sein, nachts unter freiem Himmel zu schlafen. Oder mich im Winter bäuchlings auf eine verschneite Wiese zu legen, um mit meiner Wange die Schneeflocken zu berühren, damit ich spüren kann, wie mein Gesicht zuerst kalt wird und sich in der Folge von innen aufwärmt. Ein größerer Wunsch kann sein, bis ans Ende der Welt zu reisen, das in Wirklichkeit kein Ende ist. Hohe Berge zu besteigen und dabei zu erleben, wie unendlich geruchsintensiv und farbenfroh die Natur ist und wie kurz unser Leben ist, wenn wir uns das wahre Alter des Bergmassivs vergegenwärtigen.

Eines ist dem kleinen und dem großen Wunsch gemeinsam, wenn es um die Realisierung geht: Ohne eine entschlossene und bewusste Wahl, ohne eine klare Entscheidung für die eigenen Möglichkeiten, wird der Wunsch ein ungelebter Wunsch bleiben. Etwas, das wir uns latent für unser Leben wünschen, jedoch nicht tun, bleibt uneigentlich. Mit Uneigentlichkeit beschreibt Heidegger die unreflektierte Übernahme gesellschaftlich vorgegebener und nicht hinterfragter Lebensentwürfe. Ein uneigentliches Leben ist ein Leben, das sich ausschließlich eingliedert in weithin akzeptierte, normative Wertvorstellungen. Ein Leben, in dem nicht wir selbst bestimmen, was wir wollen und wie wir es realisieren, in dem wir vielmehr anonym bleiben.

Im Kontext der Kinder aus Suchtfamilien ist es ein uneigentliches Leben, mit einer großen Selbstverständlichkeit die Bedürfnisse anderer im Blick zu haben und zu erfüllen, während man selbst am eigenen Wollen gehindert wird – ein sukzessives Konditionieren in der subjektiven Uneigentlichkeit. Auf gesellschaftlicher, intersubjektiver Ebene findet die Uneigentlichkeit eine Entsprechung in der Co-Abhängigkeit, hinter der das Individuum verschwindet - konturlos, farblos, ohne eigenes Wollen, das dem Leben einen Sinn verleiht.