... geborgen in den Händen der Zerbrechlichkeit

© Annabelle Schickentanz

Lyrik 1

Nachfolgend sind einige Gedichte aufgeführt, die ich entweder für »Jenseits der Wand« geschrieben oder zur Thematik der Kinder aus Suchtfamilien verfasst habe. Einige der Gedichte, die unter der Rubrik »Lyrik 2« zu finden sind, könnten ebenso hier ihren Platz finden – in einer Suchtfamilie aufzuwachsen, ist grundsätzlich gleichbedeutend mit einem Unglück. Nicht jeder, der in einer Suchtfamilie aufgewachsen ist, empfindet Melancholie. Traurigkeit und Angst jedoch sind stets stille Begleiter dieser jahre-, wenn nicht jahrzehntelang andauernden Belastung.

Sich leben

atmen
das Schweigen

zerborstenes Herz

bunte Farben
tanzen
mit dem Zweifel

geborgen
in den Armen
der Zerbrechlichkeit

spüren
die lärmende Stille

sein dürfen
wer man ist.

Schweigen

Stimme erstickt
in meiner Kehle
Worte taumeln
ziellos in meinem Kopf

Fühle mit euch
spüre die Last
auf euren Schultern
zentnerschwer

Leide mit euch
weine eure Tränen
tausendfach
in einsamer Nacht

Spüre mich nicht
das vergessene Kind
allein gelassen
all die Jahre.

Trauma

Es war der Moment
in dem ich aufhörte
zu atmen

als das Blut
in meinen Adern
gefror

als Zeit
ein Vakuum wurde
das mit sich riss

Bilder
Gerüche
Empfindungen

mein Körper
ein Panzer

ein Schutz
vor mir selbst

umgeben
von beißendem Schmerz

in mir
die Tränen
eines Kindes

ein lautloser Schrei
nach Leben.

Lüge

Mantel des Schweigens
behaglich
sicher und warm
Mutters Schoß

betrogen
um das Tanzen
um den Sommerregen

implodiere ich
und mit mir die Farben

Wut

Ich könnte
tiefe Wunden schlagen

in dein
süchtiges Fleisch

Es vergießen
dein vergiftes Blut

Zerstreuen
deine tote Asche
in alle Winde

Mir meine Seele
aus dem Körper
schreien

Ihn verdammen
meinen stillen Tod

Stille Nacht

Wenn es still wird
in mir

wandle ich
durch deine Räume

atme den Geist
den du hinterlässt

spüre den Schmerz
der dich zerreißt

entzweit
in tausend Stücke teilt

der
wenn es Nacht wird
mich ereilt

Frei sein

Und über allem
und zuallererst
die Würde

gefolgt von …
ja, wovon?

wenn doch Würde bedeutet
bei sich zu sein
und in sich
und für sich

ohne Zeugnis abzulegen
ablegen zu müssen

wer man ist
und warum
und für wen
wenn es am Ende
das Selbst ist

das für sich ist
sein darf
unbeirrbar
das bestimmt
scheitern darf
bis zuletzt