Lyrik 1
Nachfolgend sind einige Gedichte aufgeführt, die ich entweder für »Jenseits der Wand« geschrieben oder zur Thematik der Kinder aus Suchtfamilien verfasst habe. Einige der Gedichte, die unter der Rubrik »Lyrik 2« zu finden sind, könnten ebenso hier ihren Platz finden – in einer Suchtfamilie aufzuwachsen, ist grundsätzlich gleichbedeutend mit einem Unglück. Nicht jeder, der in einer Suchtfamilie aufgewachsen ist, empfindet Melancholie. Traurigkeit und Angst jedoch sind stets stille Begleiter dieser jahre-, wenn nicht jahrzehntelang andauernden Belastung.
Sich leben
atmen
das Schweigen
zerborstenes Herz
bunte Farben
tanzen
mit dem Zweifel
geborgen
in den Armen
der Zerbrechlichkeit
spüren
die lärmende Stille
sein dürfen
wer man ist.
Schweigen
Stimme erstickt
in meiner Kehle
Worte taumeln
ziellos in meinem Kopf
Fühle mit euch
spüre die Last
auf euren Schultern
zentnerschwer
Leide mit euch
weine eure Tränen
tausendfach
in einsamer Nacht
Spüre mich nicht
das vergessene Kind
allein gelassen
all die Jahre.
Trauma
Es war der Moment
in dem ich aufhörte
zu atmen
als das Blut
in meinen Adern
gefror
als Zeit
ein Vakuum wurde
das mit sich riss
Bilder
Gerüche
Empfindungen
mein Körper
ein Panzer
ein Schutz
vor mir selbst
umgeben
von beißendem Schmerz
in mir
die Tränen
eines Kindes
ein lautloser Schrei
nach Leben.
Lüge
Mantel des Schweigens
behaglich
sicher und warm
Mutters Schoß
betrogen
um das Tanzen
um den Sommerregen
implodiere ich
und mit mir die Farben
Wut
Ich könnte
tiefe Wunden schlagen
in dein
süchtiges Fleisch
Es vergießen
dein vergiftes Blut
Zerstreuen
deine tote Asche
in alle Winde
Mir meine Seele
aus dem Körper
schreien
Ihn verdammen
meinen stillen Tod
Stille Nacht
Wenn es still wird
in mir
wandle ich
durch deine Räume
atme den Geist
den du hinterlässt
spüre den Schmerz
der dich zerreißt
entzweit
in tausend Stücke teilt
der
wenn es Nacht wird
mich ereilt
Frei sein
Und über allem
und zuallererst
die Würde
gefolgt von …
ja, wovon?
wenn doch Würde bedeutet
bei sich zu sein
und in sich
und für sich
ohne Zeugnis abzulegen
ablegen zu müssen
wer man ist
und warum
und für wen
wenn es am Ende
das Selbst ist
das für sich ist
sein darf
unbeirrbar
das bestimmt
scheitern darf
bis zuletzt