Leseprobe
Nachstehen das erste Kapitel meines Romans »Jenseits der Wand« als Leseprobe für Sie.
... ihn verdammen meinen stillen Tod
© Annabelle Schickentanz
Nachstehen das erste Kapitel meines Romans »Jenseits der Wand« als Leseprobe für Sie.
Ich sitze auf der Bettkante und halte ihre Hände. Sie sind heiß, aber trocken.
Ich denke zurück an Familienfeiern, bei denen ich neben meiner Mutter am Tisch saß. Mein Blick fiel auf ihre Hände, an deren Innenseiten kleine Schweißperlen saßen. Die Serviette, die sie länger in ihren Händen hielt, wurde feucht. Wenn sie ihre Hände auf dem Tisch ablegte, bildete sich eine kleine Pfütze.
Ihr Atem geht schwer und schnell. Wir sehen uns an. In ihrem Blick liegt etwas Ernstes, Bedeutsames. Ich warte auf Worte der Reue, der Entschuldigung, des Friedens. Auf eine letzte Bekundung ihrer Liebe. Sie schweigt.
Der behandelnde Arzt wird mittags sagen:
»Bei erhöhten Morphium-Gaben nimmt man den früheren Eintritt des Todes in Kauf.«
Ich betrete das Haus meiner Eltern, mein Vater öffnet mir die Tür.
Ich sehe, dass er geweint hat. »Schau sie dir noch mal an, deine Mutter«, sagt er. Seine Stimme klingt gebrochen.
Das Pflegebett steht im Wohnzimmer. Es ist ausgerichtet zur Fensterfront, sodass sie in den vergangenen Wochen in den Garten schauen konnte.
»Bald kommen die ersten Frühlingsblumen«, sagte meine Tante zu ihr.
»Die werde ich nicht mehr zu Gesicht bekommen«, entgegnete meine Mutter nüchtern. Sie sollte recht behalten.
Sie liegt auf dem Rücken, zugedeckt bis zur Brust, die Arme rechts und links neben dem Körper. Meine Mutter ist der erste tote Mensch, den ich zu Gesicht bekomme. Ich beuge mich über sie und warte auf das Geräusch einer Atmung. Es bleibt still. Ihre Augen sind geschlossen, an ihrem linken Mundwinkel hängt etwas Speichel. Ich nehme ihren rechten Arm in meine Hände und hebe ihn hoch. Er ist weich und beweglich. Ich bemerke an mir selbst eine gewisse Neugier, sie ganz in Ruhe betrachten zu können. Als könnte ihr toter Körper mir Hinweise geben. Die Hoffnung auf eine späte Antwort. Ich betrachte ihre Hände, die jetzt nichts mehr tun können. Ich denke daran, wie sie mich geohrfeigt hat, nachdem ich sie auf ihre Versäumnisse hingewiesen hatte. Meine Erinnerung sucht nach einem sanften Streicheln meiner Haut. Es stellen sich keine Bilder ein. Stattdessen die Gewissheit ihres Versagens. Eine Gewissheit, dass Vieles in meinem Leben nur aus der Negation heraus einen Sinn ergibt.
Warum spürte ich meine eigene Bedürftigkeit nicht? Wie haben es die vielen Gewissheiten geschafft, sich vor meine Bedürfnisse zu schieben? Warum war mein Mitgefühl stets bei ihr? Warum habe ich ihr vermeintliche Gründe zugestanden, mich nicht lieben zu können?
Wie sie so daliegt, tot, mit kaltem Körper, tut sie mir leid. Ich hatte es ihr in all den Jahren mehrfach gesagt: »Du musst aufhören. Sonst wirst du daran sterben!«
»Das wollen wir mal nicht hoffen«, war ihre drakonische Entgegnung.
Um weiterhin trinken zu können, war ihr jedes Mittel recht. Während sie hoffte, dass ihr Tun ungesühnt bleibt, gingen die Jahre ins Land. Meine eigene Hoffnung, meine Unterstützung für sie, mein Warten auf ihre Liebe wurden zunehmend blasser. Man kann weiterhin existieren, solange die physischen Funktionen aufrechterhalten werden.
Liegend auf ihrem Totenbett kommt sie mir eigentümlich vertraut vor, ich fühle mich ihr sehr nah. Ich genieße, dass sie meinem Blick nicht mehr ausweichen kann. Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, als sei sie diesen Tod schon einmal gestorben.
Mein älterer Bruder betritt das Zimmer. Er schaut sie aus der Ferne an und geht schluchzend in den Garten. Mein Vater folgt ihm und ich höre, wie er sagt:
»Es ist besser so.«
Ich denke lediglich: »Nun ist es endlich vorbei.«
Es war nur das geschehen, was ich all die Jahre vorhergesagt hatte. Mein jüngerer Bruder steht vor der großen Fensterfront und schaut schweigend nach draußen. Seine traurigen Augen ruhen auf seinem Gesicht. Ich denke an die Augen meiner sterbenden Mutter.
Ich zittere. Mein Körper bebt. In mir spüre ich den Impuls zu schreien, anzuschreien gegen die Macht des Schweigens, gegen die erdrückende Stille, aber es kommt mir unpassend vor.
Mein älterer Bruder muss fort, bevor die Bestatter kommen. Er tritt an ihr Bett und nimmt ihre Hand. Ich höre, wie er flüstert: »Mama …« Er beugt sich über sie und küsst sie auf die Stirn. Dann dreht er sich wortlos um und geht durch die Tür.
Seitdem, immer mal wieder, dieses Bild: Mein älterer Bruder, der seine tote Mutter auf die Stirn küsst. Seine Mutter, die ihm so viel versagt hat.
Wo sind meine Schwestern an diesem Tag? Warum erinnere ich mich nicht an sie? In meinem Kopf ist eine Leerstelle.
Gegen 17 Uhr kommen die Bestatter. Sie stellen einen Plastiksarg, der mit einer schwarzen Folie ausgekleidet ist, neben das Pflegebett.
»Ich kann das nicht sehen«, sagt mein Vater und verschwindet in der Küche. Ich höre, wie er sich einen Kaffee aufbrüht.
Sie fassen den toten Körper meiner Mutter am Kopf und an den Füßen, um ihn vom Bett in den Sarg zu legen. Er ist steif, als habe er für lange Zeit in gefrorener Erde gelegen. Auch dieses Bild, immer mal wieder: Meine Mutter, als schwebe sie in der Luft. Der letzte Anblick: Meine Mutter, bekleidet mit einem roten, kurzärmeligen Nachthemd und dicken Wollsocken, ein endgültiges Schauen auf ihr erstarrtes Gesicht, auf ihre eingesunkenen Augen, bevor sich die schwarze Folie über ihren Kopf legt.
Seitdem, von Zeit zu Zeit, der Gedanke an eine Letztmaligkeit.
Als die Bestatter im Eingangsbereich des Hauses stehen, um den Sarg nach draußen zu bringen, öffnet sich die Küchentür. Mein Vater tritt in den Flur und bleibt mit gesenktem Kopf neben dem Sarg stehen. Er möchte etwas sagen, doch seine Stimme erstickt.
Nun, während des Schreibens, meine Tränen. Ich spüre meine Verlassenheit. Erstmals das Gefühl, dass mir niemand beigestanden hat. Mein stilles Aushalten, meine unermessliche Ohnmacht. Mein Unglaube, dass all dies wirklich so gewesen ist.
Die Bestatter schließen die Tür des Leichenwagens und bleiben eine Weile mit gesenkten Köpfen stehen, die Hände vor dem Körper leicht ineinander gelegt. Es ist eine Geste des letzten Respekts, der Demut, da sie tot im Dunklen liegt, da sie nichts mehr sieht und spürt.
Einige Wochen nach ihrem Tod erzählt mir meine Schwester, was meine Mutter ihr in einem letzten Gespräch mit auf den Weg gegeben hat.
»Sollte ich jemandem Unrecht getan haben, so tut es mir leid. Die letzten beiden Kinder hätte ich nicht bekommen sollen.«
Es ist erneut ein Moment, in dem das Denken mühsam versucht, sich vor die Empfindung zu stellen. Die Empfindung wegzudrängen, um das Weiterleben zu sichern.
»Aber«, fügt meine Schwester mit weit aufgerissenen Augen schnell hinzu, »sie hat dich geliebt!«