Lyrik 2
Die Melancholie wurzelt im Unglück, z.B. im erfahrenen Unglück, in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen zu sein. Die Sehnsucht ist einerseits Teil der Melancholie, andererseits ein Schlüssel zu uns selbst und zum Glück im Unglück.
Wer Gedichte schreibt, folgt einer latenten Sehnsucht. Dem Unsagbaren eine Stimme zu geben, es in Worte zu kleiden, war mein Versuch, die mich umgebende Trost- und Ausweglosigkeit zu bewältigen. Zugleich konnte ich meinem inneren Reichtum durch das Schreiben der Gedichte Ausdruck verleihen. Das wiederholte Lesen eines selbst verfassten Gedichts verändert den Inhalt dahingehend, dass sich Bedeutungszusammenhänge gleichsam mit der eigenen Entwicklung ebenfalls verändern und entwickeln – die subjektive Wahrheit entwirft sich jeweils neu und richtet sich aus auf die Zukunft. Nichtsdestotrotz haben die Gedichte einen eigenen, zeitimmanenten Wahrheitsgehalt.
Als ich die Gedichte schrieb – oder schrieben sie mich? –, war ich etwa dreißig Jahre alt.
Was möglich ist
Wie von Unglück reden
bei so viel Glück
und warum?
Vielleicht
weil das Glück
hängt an einem Faden
dünn wie meine Haut
und tief in meinem Herzen
bunte Farben
Still liegen sie
unberührt und dennoch
Wie kann dieses Glück
überhaupt sein
und so viel Unglück halten?
Vielleicht
weil der Tag
die Nacht umarmt
sie zitternd hält
du die Augen schließt
und atmest
Seele ruht
das Tal ruht leise
es pulst die Zeit
hohe Bäume wachen weise
aus der Ferne ruft Vergangenheit
Sehnsucht weilt in hohen Kronen
es tanzt der Vogel glückbetäubt
Trauer wird ihn still verschonen
wenn Ewigkeit die Zeit zerstäubt
Weißes Blut
Beraubt dessen
was den Menschen
zum Menschen macht
ewige Ruhe
mitten im Leben
blutleer
gleich des Todes
geworfen
in das abgrundtiefe Tal
und im Dunklen
noch nicht mal Tränen
hinter der Wand
tanzende Kinder
schreiende Münder
blutrot
das
was ihr Leben nennt
Zeitenlos
zuvor war viel
niemand sagt Ja
zum Verschwinden
einfach so
war es
ein bestimmter Tag
an dem mein Selbst
verschwand
hinein in die Tiefen
in den Widerspruch
des Lebens
war es
ein Zeitraum
der mich beraubt hat
meiner Kraft
der Lust
die es zum Leben braucht
war es schon immer
und immerfort
unsichtbar
spürbar für mich
dass ein feiner Nebel
verschließt mein Denken
tote Erkenntnis
sich legt
auf meine Seele
ewig unbewegt
Seele
Seele schweigt
so still versunken
tanzt Vergangenheit
vor Glück betäubt
Erleben weilt
im Gestern
sehnsuchtsvoll
rankt Hoffnung sich
der Zukunft
entgegen
Das Wort
Dein Lachen hallt in langen Fluren
schenkt mir den göttlichen Moment
schwebt davon auf leisen Spuren
wohl dem, der Wahrhaftigkeit erkennt
Du spürst wohl meine Trauer
sie trägt uns mit sich fort
es greift ein großer Schauer
nur langsam
stirbt das Wort
Trauer
Der Himmel färbt sich
dunkel
dort draußen
die Vögel
tragen schwarz
ein letztes Singen
ganz zartsprich nicht hinein
in die Stille
bis die Sonne
aufgeht.
Am Ende
Vor mir die letzten Seiten
nun bin ich angelangt
nichts ist mehr auszuweiten
um nichts mehr wird gebangt
die Sterne hängen tiefer
der Mond verheißt mir Gold
ich lenke meine Schritte
von selbst, wie ungewollt
Du
eingesponnen
in deine Seele
all mein Selbst
vereint mit dir
um vom tiefen Grund
der Sehnsucht
ewiglich zu fliehn
Glück, unfassbar
Sehnsucht als Grund
Sehnsucht als Ziel
und dazwischen
die Bewegung
mein Wunsch
im Innern unbewegt
wilde Form und bunte Farbe
geformt ist mein Herz
wie die Liebe
aufgeregt schlägt es
stolpert
fängt sich wieder
rast vorwärts
zögert
alles zugleich
Wärme im Bauch
heißes Blut
tief und tiefer
Puls strömt
durch die Glieder
rote Glut
will weit und weiter
in die Fingerspitzen
und mein Zittern
darüber hinaus
schnell atme ich
und tief
zärtlicher Tanz
und wilde Ekstase
bin ohne Halt
falle
in unfassbares Glück
ohne Worte
für das alles
unerträglich
mein Empfinden
sehen will ich
riechen und berühren
erfüllt will es sein
und vertieft
mein Begehren
unbegreiflich
meine Wachheit
ist es wirklich mein Wunsch
so still
der mich aufruft?
Grund und Ziel
liegen tief
und tief liegt
meine Sehnsucht